Ausreißen, Zeigen und Organisieren – Art Brut und Strategien inklusiven Ausstellens
- Felix Balzer
Abstract (EN)
Ausgehend vom Dreischritt des Ausreißen, Zeigen und Organisieren entwickelt diese Arbeit eine theoretische Haltung gegenüber jener künstlerischen Formation, die seit der Mitte des 20. Jahrhunderts unter dem Begriff Art Brut verhandelt wird. Im Zentrum stehen die Fragen nach wiederkehrenden Entwicklungslogiken sowie nach der gegenwärtigen Präsenz und Wirksamkeit dieser Kunstform. Das Ausreißen erweist sich dabei als paradigmatische Geste: Einerseits markiert es eine radikale Bewegung im Sinne avantgardistischer Transgression, andererseits verweist es auf eine bewusste Distanzierung von eben solchen kunsthistorischen Zuschreibungen. Art Brut erscheint so in einem (Spiel-)Feld permanenter Aushandlung, in dem Grenzziehungen gegenüber der etablierten Kunst zugleich vorgenommen und unterlaufen werden. Unter Zeigen wird die Ausstellungsgeschichte von Art Brut in den Blick genommen, die maßgeblich zu ihrer Konstitution und öffentlichen Sichtbarkeit beigetragen hat. Diese Geschichte ist eng mit den politischen, sozialen und kulturellen Dynamiken des 20. Jahrhunderts verflochten und macht ein heterogenes Feld sichtbar, das sich konsequent einer Homogenisierung entzieht. Organisieren verweist schließlich auf die Notwendigkeit alternativer Ordnungsformen. Da Art Brut überwiegend außerhalb etablierter institutioneller Strukturen entsteht, gründet ihre Praxis auf Formen der Selbstorganisation – jedoch nicht in Isolation, sondern in enger Verschränkung mit sozialer Arbeit und Care-Arbeit. Psychiatrische Einrichtungen, Werkstätten und pädagogische Kontexte schaffen jene materiellen und sozialen Bedingungen, unter denen künstlerisches Schaffen überhaupt möglich wird. In der Spannung zwischen Autonomie und Fürsorge behauptet Art Brut ihre Eigenständigkeit als zugleich widerständiges und vulnerables Gegenmodell zum etablierten Kunstbetrieb.
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